Die letzte Marokkofahrt mit meinem Pickup 2011/2012

Mehr
14 Jahre 5 Monate her #112446 von Edith
7.12.
Auch heute war ich natürlich schon kurz vor 6 im Büro, um nur ja jede Stunde Urlaub zu sparen. Aber kurz nach 10 hat mich doch nichts mehr gehalten und los gings. Wohnung klar machen, letztes Gepäck ins Auto und ab die Post. Draußen Regen, Regen, Regen. Aber das ist eigentlich gar nicht so schlimm. Der Regen reduziert mich auf die Fahrerkabine, ich sehe nichts außer dem Auto vor mir und die Zeit geht irgendwie viel schneller vorbei, und auch der Spritverbrauch ist bei der langsameren Geschwindigkeit deutlich niedriger. Hin und wieder reißt mal kurz der Himmel auf, aber dennoch ist der Scheibenwischer die ganze Zeit im Einsatz. Und fängt an, schrecklich zu quietschen.
Schon zweimal habe ich auf der Reise nach Marokko in einem Routière an der Landstraße Besancon – Lyon übernachtet. Die Zimmer sind sehr einfach, aber es ist billig und es gibt ein Bad. Und vor allem, direkt an der Straße. Ich kann mich zwar absolut nicht mehr erinnern, wo das war, aber ich muss es einfach finden, liegt ja an der Strecke. Und tatsächlich, 18 km vor Bourg-en-Bresse stehe ich plötzlich davor. Diesmal werde ich mir aber ganz sicher die Koordinaten aufschreiben.
Das Zimmer kostet 28 Euro, 3 mehr als vor 2 Jahren, ist korrekt. Ich gehe ins Restaurant, natürlich bin ich – abgesehen von der Bedienung – die einzige Frau im Laden. Hierher kommen nur LKW-Fahrer, es gibt einen großen Parkplatz, und dort steht mein Pickup sicher zwischen all den LKW. Die Portionen sind riesig hier, große Vorspeisenplatte, Fleisch dreimal so viel wie bei uns, aber kaum gewürzt.
Ein Mann kommt rein, sieht sehr interessant aus mit Pferdeschwanz und Cowboyhut. Interessiert mich. Ich biete ihm an, natürlich auf Französisch, an meinem Tisch Platz zu nehmen. Er entschuldigt sich, kann kaum französisch. Bis ich endlich raus habe, aus welchem Land er ist … ist natürlich ein Deutscher. Berliner, 70 Jahre, Alt-68er, und auf dem Weg zu seinem Landsitz in den Pyrenäen, den er zusammen mit einigen Freunden bewohnt. Ein sehr interessantes Gespräch entwickelt sich, warum nur treffe ich zu Hause nie solche Menschen.

8.12.
In Frankreich darf man nur mit gefülltem Tank ins Bett gehen, will man am Morgen frühzeitig weiter. Vor acht hat keine Tankstelle auf. Der Nebel hebt sich langsam und heraus kommt herrliche Sonne. Südlich von Lyon werden es 19 Grad sein. Blauer Himmel, abgesehen von den dicken weißen Wolken, die die AKWs ausspeien. Noch vor 12 Uhr bin ich am Carrefour von Sète, wo ich so viel Wein einkaufe, dass ich bestimmt Ärger mit dem Zoll bekomme. Und kurz danach bin ich am Gare Maritime, hier wartet „meine“ Marrakech auf mich. Wie schön. Ich dachte eigentlich, eine andere, ältere Fähre würde die Strecke Sète – Nador fahren, das ist eine schöne Überraschung. Denn die Marrakech war damals im Jahr 1986 die erste Fähre, die mich nach Marokko brachte.
Und nun heißt es warten. Erst um 5.30 Uhr wird gebordet.
Sète ist ja schon fast Marokko. In manchen Gebieten ist die Bevölkerung fast 100% marokkanisch. Ob es die Teleboutique ist, in der ich meine Emails checke, im Bistro steht ein Mann in blauer Djellabah vor dem Tresen, und in der Bar sitzt ein Mann neben mir, der nicht wie es ein Deutscher tun würde, seine selbst gekauften Nüsschen alleine futtert, sondern an alle Gäste in seiner Reichweite verteilt, alle sind aus Marokko. Auch ich bekomme was ab.
Zurück vor der Fähre muss ich feststellen, dass diesmal auch die Passagiere vollkommen marokkanisch sind. So rein habe ich das bisher noch nie erlebt. Null Touristen, schon gar keine Wohnmobile. Und die 110 Fahrzeuge lasten das Schiff, das sonst mehr als 300 fasst, auch nicht aus. Aber für uns ist das natürlich klasse, alles geht schneller, und ich bekomme doch – nicht wie sonst als Geländewagen ohne Aufbau das fürchterliche Oberdeck, von dem man als allerletzte rauskommt – tatsächlich einen Platz unten direkt vor der Ausfahrt. Na, das lässt sich ja gut an.
In Ermangelung anderer Touristen freunde ich mich mit Marokkanern aus Limburg an, sind ja fast Nachbarn. Pünktlich geht es auf die Fähre, pünktlich legt sie ab. Vom Personal erfahre ich, dass tatsächlich die von mir ungeliebte Marrakech Express normalerweise diese Strecke fährt, aber die mal wieder mit Motorschaden ausfällt. Und meine Marrakech einspringen musste, wie schön. An Bord lächele ich vor Freude alle Leute an und alle lachen zurück, ist richtig toll.
Aber wenn man die Fähre wie ich seit 25 Jahren kennt, dann sieht man auch, wie sehr sich alles verschlechtert hat. Nicht mehr wie früher 4 Gänge, keine Menükarten mehr, keine marokkanische Teebar, die Handtücher kommen erst nach dem Essen auf die Kabine …. Ich könnte noch vieles aufzählen, aber gespart werden muss halt überall.

9.12.
An diesem Tag auf See sind das einzige Ereignis die Formalitäten, die schnell gehen, weil kaum Leute an Bord. Der Zollbeamte erstaunt mich, er kontrolliert nur, ob das grüne Formular für das Fahrzeug richtig ausgefüllt ist, fertigt es aber nicht ab und speichert auch die Daten nicht in den Computer, obwohl er den dabei hat. Dafür einen Mann mitzuschicken erscheint mir doch etwas übertrieben. Beim abendlichen Aperitif, zu dem mich eben dieser Zollbeamte einlädt, erfahre ich, dass man das so macht, wenn wenig Betrieb ist. Dann werden die Erfassungsarbeiten im Hafen erledigt.
Ein Blick auf mein GPS – man muss ja den Käptn immer mal kontrollieren, zeigt eine erstaunliche Entdeckung. Während wir zu Anfang – und auch auf allen meinen früheren Fahrten mit der Marrakech – etwa 35 km/h zurückgelegt haben, sind es nun nur noch 20 km/h. Und das wird auch bis Nador so bleiben. Der Grund ist wohl, dass wir mit der höheren Geschwindigkeit etwa um 3 Uhr nachts im Hafen gewesen wären. Aber die normale Ankunftszeit ist 8.30 Uhr, schließlich gibt’s vorher ja auch noch Frühstück. Und die lahme Marrakech Express, die diese Strecke normalerweise fährt, schafft auch kaum mehr.

10.12.
Das war die schnellste und freundlichste Abfertigung im Hafen, die ich je in Marokko erlebt habe. In weniger als 15 Minuten war ich durch. Und der abendliche Aperitif mit dem Zollbeamten hat geholfen, die 6 Flaschen Wein durchzubringen, die offen zu sehen waren. Die anderen Vorräte waren woanders versteckt. Aber man hat sich eigentlich überhaupt nicht dafür interessiert, was ich dabei habe.
Nach einem kurzen Stadtrundgang geht es gleich weiter nach Tibouda. Auf dem Schiff sprach ich mit Marokkanern aus Nador, keiner kannte Tibouda, das nur 40 km von Nador liegt. Und dabei doch unglaublich schön ist. Aber die Asphaltstraße, die diese Landzunge erschließt, gibt es erst seit wenigen Jahren, genauso lange wie den elektrischen Strom. Was man aber nicht so einfach bauen kann ist genügend Wasser. Das Wasser in den Brunnen ist salzhaltig, so ist man zum Trinken und für die Landwirtschaft auf den spärlichen Regen angewiesen, und es reicht kaum zum Leben. Immer mehr Menschen sind abgewandert. Die Straße führt direkt bis ans Kap, dort steht der mächtige, von den Spaniern gebaute Leuchtturm, der die Schifffahrt an dieser gefährlichen Landzunge leiten sollte. Obwohl die Bedeutung im Zeitalter des GPS schwindet ist er immer noch besetzt. Man kann die Treppen zum Haus hinaufsteigen und die umwerfende Aussicht auf die Buchten genießen. Tief unten fahren die Fischer mit kleinen Booten aufs Meer.

Auf dem Foto kann man erkennen, woher der Name kommt, die Felsen erstrecken sich gabelförmig ins Meer.
Tibouda selbst liegt schon 2 km vor der Landspitze. Direkt am Strand sind die alten Fischerhütten, die Einwohner haben sich nun neue Häuser direkt an der Straße gebaut und vermieten diese alten Hütten leer an Angler, hauptsächlich Wochenendbesucher aus Melilla. Ich finde Abdissalam recht schnell, er ist gerade dabei, mit zwei mageren Eseln ein steiniges Feld zu pflügen. Nette Aufnahme bei der Familie und klar gibt es am Abend Fisch.


11.12.
An diesem Tag entdecke ich eine weitere schöne Landschaft, die sich zusammen mit Tibouda herrlich zu einer Route zusammenfügen lässt. Aber darüber kommt dann alles in meinem neuen Band Ostmarokko, nur so viel kann ich sagen, es geht zum Berg Gourougou und der lohnt sich. Der Tag war vollgepackt mit Arbeit, so gibt es nur wenig zu berichten. In Saidia auf dem Marjane-Parkplatz traf ich ein deutsches Paar mit 4x4-Wohnmobil (Neid kommt auf, das hätt ich gern). Es ergab sich ein nettes Plauderstündchen, das ich gerne fortgesetzt hätte, aber wie immer ist die Zeit zu kurz.
Am Abend dann in Oujda eine weitere interessante Begegnung. Aus dem Internet hatte ich von einer Gite gelesen, 10 km außerhalb von Oujda. Es klang sehr interessant, aber ich habe vergebens versucht, den Inhaber telefonisch zu erreichen. Hier in Oujda hats dann endlich geklappt und wir trafen uns in meinem Hotel. Es ist ein pensionierter Ingenieur für Polygraphie (noch nie so was gehört), er hat in Leipzig zu DDR – Zeiten studiert und spricht daher Deutsch und Russisch. War hier in Marokko Mitglied der kommunistischen Partei. Ein sehr interessanter Mann, der sich nun eine Farm zugelegt hat. Diese werde ich heute besuchen und dabei versuchen, ihn davon zu überzeugen, dort einen Stellplatz für Wohnmobile aufzumachen, ähnlich wie der auf der Koudya Farm bei Taroudannt. Hier im Osten gibt es ja nichts dergleichen, das könnte schon interessant sein. Vor allem, wenn man sich mit dem Inhaber unterhalten kann.
12.12.
Am Morgen habe ich mir die Farm angesehen. Sie ist kleiner als Koudya, aber durchaus geeignet. Noch muss alles erst eingerichtet werden und ist in dieser Saison nicht zu benutzen, aber für den nächsten Winter wird das bestimmt ein interessantes Projekt. Und auf dem Rückweg hab ich mir am Straßenrand Clementinen gekauft. Die Gegend um Oujda ist berühmt für seine zuckersüßen Clementinen und ich bin genau in der Erntezeit. 3 DH für ein Kilo, das ist ja wohl geschenkt und wird meine Winterdiät.

13.12.
Das war wieder ein Tag voller neuer Erlebnisse und Abenteuer. Das ist ja das besondere an Marokko, dass ich auch nach 25 Jahren immer noch Neues entdecke. Heute Morgen ging es also zunächst über das Minenstädtchen Jerada nach Guefait. Und das war eine Entdeckung, eine Perle. Dieses Dorf ist ein richtiges kleines Paradies inmitten des kargen Hochplateaus, seine schönen Gärten bilden einen tollen Kontrast zu der umliegenden Steppe. Das Grün des Tales kontrastiert mit den ockerfarbenen Bergen in der Ferne. In der Umgebung gibt es 120 Quellen mit herrlich reinem Trinkwasser, kaum kalkhaltig, es ist als Thermalwasser im Winter nicht nur angenehm warm, sondern auch besonders gut bei Hautkrankheiten. Von allen Seiten kommen die Bächlein und vereinen sich zu dem Fluss Za (auch Oued Cherf = der lebende Fluss), des größten Nebenflusses der Moulouya, der im felsigen Land Höhlen, Schluchten und Wasserfälle bildet und vor allem der Oase einen reichen Ackerbau ermöglicht. Bekannt ist die besonders gute Qualität der hiesigen Oliven, auch Granatäpfel gibt es reichlich.

Guefait ist bisher nicht bei europäischen Touristen bekannt, nur marokkanische Urlauber bevölkern den Ort von Juni bis August. Am Weg hinunter zum Fluss reiht sich dann Bude an Bude, aber die besondere Spezialität sind die Restaurants, wo man mit den Füßen im Wasser speisen kann. Im Winter ist es menschenleer, aber gerade dann ideal geeignet für den deutschen Urlauber. Bei einem Aufenthalt Mitte Dezember 2011 war es sonnig und warm, aber es kann hier auch ganz schön kalt werden, nur Schnee ist sehr selten.
Guefait eignet sich ganz besonders für einen längeren Aufenthalt, es gibt viel zu sehen, und was besonders wichtig ist, es ist nicht nur absolut sicher im Ort, sondern es gibt auch keinerlei Belästigung. Hier kann man sich unter den freundlichen Einwohnern so richtig wohl fühlen. Spazierwege führen in die Gärten, am Fluss gibt es einen Weg zu Höhlen, in dem sich im 2. Weltkrieg Frauen und Kinder versteckt haben, als ihre Männer in die Schlacht gezogen waren. Als Unterkunft gibt es bereits die sogenannten Gîtes, wo man bei Einheimischen wohnen und an ihrem Leben teilhaben kann. An Speisen gibt es auch eine Reihe von lokalen Spezialitäten, die man unbedingt probieren muss.
Natürlich habe ich vorher noch algerischen Diesel getankt. Ich empfehle folgende Stelle: Oujda auf der Straße nach Jerada verlassen. Nach 7 km hört der vierspurige Ausbau auf, genau da ist rechts eine Autowerkstatt und dort bekommt ihr einen 30-l-Kanister mit Diesel für 110 DH. Der Preis ist hier am günstigsten, wird immer teurer, je weiter man von der Grenze weg ist. Apropos Algerien. Als ich aus Saidia ausfuhr, geht ja die erste Strecke parallel zur Grenze. Da war links eine Aussichtsplattform, eine Menge Fahrzeuge parkten, es war Sonntag, und alle schauten nach Algerien, stiegen auf die Mauer und ließen sich fotografieren. Ist die Attraktion, sich dort ablichten zu lassen.

Zurück nach Guefait. Meine Aufgabe war ja, herauszufinden, inwieweit hier im Osten neue Straßen gebaut wurden und wohin man mit seinem Wohnmobil oder MX5 oder was immer man hat, kommt. Ich wollte von Guefait direkt nach Debdou und dann später weiter nach Missour und zu Thomas. Und da ich heute abend euch aus Debdou schreibe, bzw. von der Quelle hoch über Debdou (ja, Maroc Telecom geht hier), ist klar, es gibt eine Asphaltverbindung bis hierher. Wie es morgen dann weitergeht schreibe ich euch morgen abend. Vielleicht.
Hier oben an der Quelle sind ein Forsthaus und eine Herberge. Die gehört einem Franzosen und ich hoffte, ihn anzutreffen. Aber nein, Herberge zu, kein Franzose oder sonst jemand, der französisch spricht und mir den weiteren Weg erklärt. Der Junge, der hier steht, spricht kaum französisch, ich verstehe nur so viel: schwierige Piste. Eine Perle ist aber seine Mutter, Miriam. Auch sie kann kein Wort außer Arabisch, aber wir verstehen uns so weit, dass sie mir Patricks Telefonnummer gibt. Und dann ist alles ganz einfach. Ich schlafe hier in einem der Bungalows, und morgen geht es weiter. Zum Glück habe ich vom netten Hamza in Guefait nicht nur ein Stück von dem herrlichen Käse bekommen, sondern auch ein leckeres hausgebackenes Brot und Wein ist auch noch genug da. Mehr braucht frau nicht.
Was für ein Unterschied zu der Nacht gestern im komfortablen 4-Sterne-Hotel!
Zum Wetterbericht: Immer noch sonnig, blauer geht der Himmel nicht, und 20 Grad.

14.12.
Vor Jahren fuhr ich mal die Piste Debdou – Mahiriya an der Straße nach Missour. Sie war kurz, aber hatte es in sich. Für mich war ganz wichtig, herauszubekommen, ob es diese Piste nach 20 Jahren noch gibt und ob ich die N15 von Debdou erreichen kann. Sagen konnte mir das niemand, da ich niemand fand, der französisch sprach. Aber man nickte und meinte goudronne! Fragt sich nur wohin. Also los. Es stellte sich heraus, dass es diese kurze Piste nicht mehr gibt, aber die neue N19. Sie führt von Taourirt über Debdou nach Tendrara. Die fuhr ich also, und dann gibt es eine Querverbindung zur N15, aber sehr viel weiter südlich. Herrlich einsames Fahren, sehr schnell, weder Polizeikontrolle noch Tankstelle. Aber der Sprit reicht und ich komme sicher in Missour an. Von dort geht eine weitere neue Straße direkt nach Talsinnt und zu Thomas und da sitze ich nun. Thomas lebt schon seit vielen Jahren im „Nomadenland“, hat hier eine große Olivenfarm und noch weitere Aktivitäten und ermöglicht allen Besuchern, die zu ihm kommen, einen Einblick in eine vom Tourismus noch ganz unberührte Welt.

15.12.
Heute habe ich mir mal eine Auszeit genommen. Mal keine Recherche, arbeiten, arbeiten, und Internet gibt’s hier auch nicht. Ich habe Thomas auf seinen Schulbusfahrten begleitet und nachmittags kam dann ein großer LKW angefahren, Knuth mit seinem 4x4-Wohnmobil. Von da an haben wir die Sonne genossen und geschwätzt.


16.12.
7 Uhr Sonnenaufgang, aufstehen. Das Auto ist von einer Eisschicht überzogen, eiskalt ist es bei Beni Tajite. Sobald aber die Sonne raus kommt ist es gleich viel angenehmer. Nach einem gemütlichen Frühstück verabschiede ich mich von Thomas, Knuth und seiner Frau. Heute soll es nach Iche gehen.

17.12.
Angekommen, endlich angekommen. Ich bin geflüchtet und endlich zu Hause angekommen. Was ist passiert?
Eigentlich nichts. Ich bin nun eine Woche durch Marokkos Osten gereist, durch Maroc Oriental und hatte sehr interessante Erlebnisse, habe schöne Ecken entdeckt, einen netten Tag mit Thomas verbracht und überall viel interessantes erfahren. Und dennoch, ich war nicht zu Hause, habe mich nicht wohl gefühlt. Und das nicht nur innerlich, sondern teils auch richtig körperlich. So schön es bei Thomas war, sobald die Sonne unterging, war es sehr kalt und die Häuser sind halt gegen die Hitze gebaut, nicht um warm zu halten. Ich habe nur in Oujda in einem guten Hotel gewohnt, sonst in äußerst einfachen Gîtes. Keine Dusche, nicht immer Zähneputzen, dünne Matten, manchmal kein Strom, kein Internet, kalt, einfach ungemütlich. Und nachdem ich in Iche, dem sonst so interessanten Örtchen, nicht mal Zähne putzen konnte und mir den ganzen Abend arabische Zeichentrickfilme anschauen musste (Strom vom Generator, nur das nötigste Gepäck, kein Buch) da wollte ich nur noch weg. Ab in meine Heimat, und das ist sowohl die Gegend um Erfoud als auch um Zagora. Dort sind einfach die Menschen, mit denen ich die beste Verbindung habe.
Also habe ich den ansonsten so interessanten Routenplan krass zusammen geschnitten und bin schnurstracks ins Tafilalet gefahren. Schon in Meski fühlte ich mich wohl. Natürlich haben mich alle Händler umringt, alle wollen ins Buch. Klar kommt keiner rein. Aber wir haben so viel zusammen gelacht. Es war einfach schön. Oft gibt es ja Beschwerden über Meski, zu viel Anmache, die Händler zu aufdringlich. Ich denke einfach, es gibt verschiedene Arten von Touristen. Die einen sind kommunikativ, reden mit Händlern oder Bewohnern, sind freundlich, trinken einen Tee mit ihnen und haben ihren Spaß. Und können auch ohne etwas zu kaufen wieder abreisen. Diese Leute sind hier genau richtig. Die anderen wollen ihre Ruhe, sind sich selbst genug, haben Angst, etwas angedreht zu bekommen, die sollen doch lieber etwas weiter auf den Platz Tissirt fahren. So gibt es für jeden den richtigen Platz.
Ja, aber meinen hatte ich noch nicht gefunden. Früher gab es im Ziztal vor Erfoud keine Hotels. Im Internet hatte ich gesehen, dass auch bei Ouled Chaker ein Hotel aufgemacht hat. Ich hatte mich telefonisch angemeldet, musste auch allen Tee in Meski ablehnen, um nicht zu spät dort zu sein und war überrascht, dass es nun eine ganze Anzahl von Auberges in den kleinen Orten am Palmenhain gibt. Aber nichts wie hin zu meiner, dem Vallée de Ziz. Hatte die Leute noch nie gesehen.
So ein herzlicher Empfang. Zuerst wurde der große Heizofen geholt, ich bekam einen Tee im Salon, man unterhielt sich. Als ich dann aufs Zimmer kam war die Heizung schon angestellt, die Badtür extra offen und alles mollig warm. Nimm eine schöne Dusche, erhol dich und was willst du zu Abend essen? Ach, das ist doch mein Marokko. Und den Pickup fahren die netten Leute auf seinen Parkplatz, valet-parking nennt man das in USA. Und als wir nach dem Essen ins Erzählen kamen stellte sich heraus, dass wir so viele gemeinsame alte Freunde haben, dass einige davon sogar schon nicht mehr leben. Und die gleichen Pisten kennen und überhaupt.
Ich bin daheim.

19.12.
Hier in Erfoud ist es doch wirklich angenehmer als in Beni Tajite. Man kann bequem am Abend im Sweatshirt durch die Straßen bummeln. Trotzdem ist der Hotelgarten am Morgen von einer dünnen Reifschicht überzuckert. Es ist halt doch kein Sommer. Interessant sind die Farben der Palmenhaine, die ich nur tiefgrün kenne. Dottergelb leuchtet nun dazwischen das Herbstlaub der Obstbäume. So, nun geht’s auf zum Erg Chebbi und zu neuen Abenteuern.

Gute Fahrt
Edith

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
14 Jahre 5 Monate her #112447 von Edith
20.12.
Heute hatte ich wieder ein nettes Erlebnis. Auf meiner ziemlich ermüdenden Tour durch die Herbergen am Erg Chebbi kam ich auf eine Rezeption zu, kein Mensch da. Um die Ecke hörte ich Stimmengemurmel, ich schaute herum und da saß eine Gruppe von Männern beim Essen, so wie es hier üblich ist, nicht wie man es den Touristen vorsetzt: alle um eine Schale, alle mit den Fingern, und das Essen sah sehr lecker aus, viel besser als im Restaurant. Und schon sprang einer auf: „Edith!“ Und zog mich zum Tisch. Wohin ich auch gehe, man kennt mich. Es war Ahmed aus Tafraoute, er hat dort eine Reiseagentur. Zuletzt habe ich dort Erika und Astrid Därr in seinem Büro getroffen. Wir haben richtig schön gespeist und geplaudert.
Übrigens fragt man ja hier bei der Begrüßung, wie es geht, wie der Familie, den Kindern, dem Geschäft und ewig so weiter. Neulich hab ich mir einen Spaß gemacht und gesagt, Eltern sind tot, Kinder krank, Kamele weg gelaufen. Jeder sagte nur, kulchi labass, bechar, hamdullilah, alles gut, bestens, gedankt sei Gott.
Was das Wetter betrifft: am Tage herrlicher Sonnenschein, 20 – 22 Grad, nach Sonnenuntergang kühl, aber auszuhalten. In dieser Jahreszeit haben die Dünen eine viel goldener Farbe als im Sommer.

21.12.
Was für ein Tag! Und Diät kann man hier sowieso nicht machen.
Aber der Reihe nach. Die Nacht verbrachte ich im Guesthouse Merzouga, sehr schöne Zimmer dort, netter Inhaber, aber weder gab es Tamtam am Abend noch so einen lustigen Inhaber wie Mohammed am Erg Chebbi. Aber dafür ein französisches Paar. Als der Mann erzählte, dass er Mazdas verkauft, habe ich ihm gleich mein Buch vom Kamel Ali gezeigt, der ja schließlich mit einem MX5 nach Marokko gereist ist, seine Frau hat es mir sofort abgekauft. Und Ali begleitet mich natürlich auch.
Am Morgen dann ging es weiter, von Auberge zu Auberge. Wie oft ich die Einladung zum Tee abgelehnt habe kann ich kaum zählen. Alle halbe Stunde, immer wenn ich so schön im Gespräch war, klingelte das Telefon und einer meiner Merzougafreunde fragte, wo ich denn wäre und wann wir uns sähen. So gern ich sie alle habe, es nervt, denn ich muss ja auch arbeiten. Dann ein neuer Anruf, Mohammed ist ein Lehrer für Englisch in Rissani, er hatte nicht die geringste Ahnung, dass ich im Land bin und hat einfach mal meine Nummer gewählt, und siehe da, wir sind beide in Merzouga. Also haben wir uns dann für später im Le Petit Prince verabredet, das ich sowieso besuchen will.
Ich fuhr zu Ali im Ksar Bicha. Ich versprach ihm, am Abend bei ihm zu übernachten. Weiter geht’s. In Merzouga Zentrum kam ich zu dem kleinen Auberge-Restaurant, das ich seit 2005 nicht mehr besucht hatte. Aber natürlich erkannte mich der Inhaber sofort. Das Haus war voller Männer und ziemlich schnell erfuhr ich, dass der Vater vor 3 Tagen verstorben war und dass daraufhin alle Verwandten und Freunde für 3 Tage kommen, um die Trauerfeier mit viel Essen zu begehen. Und sofort wurde ich eingeladen. Die Frauen saßen in der Küche zusammen, aber ich bekam natürlich den Ehrenplatz bei den Männern und habe in ihrem Kreis mit den Fingern aus der gemeinsamen Schale gegessen. Mir gefällt das sehr viel besser als das Restaurantessen, wo man das Tajine erst auf den Teller schaufelt und die leckere Soße ihren Geschmack einbüsst. Und natürlich wurde ich immer wieder vom Klingeln des Telefons unterbrochen, es war echter Stress.
Dann aber traf ich Mohammed im Petit Prince, es waren auch einige Wohnmobile dort. Leider haben sie nun als Abgrenzung zu den Dünen einen Bambuszaun gezogen, es ist nicht ganz so romantisch wie früher, aber ich kann es verstehen, denn die Quadfahrer sind immer durchgesaust. So ist mehr Ruhe.
Nebenan im Les Roches ist dagegen der freie Zugang zu den Dünen immer noch gewährleistet. Und siehe da, zwei deutsche und ein elsässer Mobil haben eine Wagenburg gebaut. Und die Deutschen sind aus Taunusstein, wo wir uns auch schon getroffen hatten. So ein Zufall. Wir trinken einen Pastis zusammen und die Sonne geht unter. Ich will endlich zurück ins Ksar Bicha, denn normalerweise gehe ich am Spätnachmittag zurück ins Hotel, um alles auszuschreiben. Auf der Durchfahrt in Merzouga werde ich angehalten, Ali Mouni, der schon dauernd angerufen hatte, steht da und lädt mich zu einem Sundowner ein. Na, die Sonne ist zwar schon down, aber ich willige ein, denn wie oft schon haben wir beide auf dem Hügel über dem Flamingosee gesessen und einen Drink genommen. Ach ja, die guten alten Zeiten, darüber lässt es sich herrlich plaudern.

Als ich endlich ins Ksar Bicha komme hat Ali mit dem Essen auf mich gewartet und wir speisen sehr gut. Schüssel über Schüssel wird aufgefahren, wie war das mit der Diät?

24.12.
Von Merzouga sollte es über Taouz und Tafraout nach Tagounit – Mhamid gehen.
Mohammed Ouattou ist als Nomade geboren, seine Familie zieht noch immer über die Wüstensteppen zwischen Taouz und Ouzina in Südmarokko, nahe der algerischen Grenze. In seiner Jugend hütete Moha die Schafe und Ziegen der Familie und konnte nicht in die Schule gehen, schreiben und lesen lernen. Aber dafür kennt er die Wüste in- und auswendig, jeden Halm, jeden Brunnen und jeden Weg. Nun lebt er mit seiner Familie in Taouz, einem Militärposten nahe der algerischen Grenze und steht Touristen, die mit ihrem 4x4 unbekannte Wüstenpisten fahren wollen, gerne als Führer zur Verfügung. Und hat ganz gut französisch sprechen aufgeschnappt.
Ich habe Moha schon im Jahr 2009 kennen gelernt. Ich war in Zagora und wollte nach Taouz, was ich schon oft alleine getan hatte. Dazu musste ich aber das Oued Rheris kreuzen, und es bestand die große Möglichkeit, dass das Oued nach starken Regenfällen im Norden so viel Wasser führte, dass die Durchfahrt unmöglich ist. Ich habe viele Kontakte in der Gegend, rief viele an, aber keiner konnte mir genau sagen, wie die Lage ist. Aber einer, ein Englischlehrer aus Rissani, dessen Bruder die Familienauberge in Ramlia führt, wusste, dass Moha Ouattou sich gerade in Zagora aufhält und zurück nach Taouz möchte.
Ich rief ihn an, er bestätigte, dass viel Wasser da ist. Aber ein Wasserlauf in der Wüste ist etwas kurzzeitiges, man kann nicht voraussagen, wie es in einigen Stunden sein wird. Wenn es im Norden stark regnet, kommt das Wasser zu einer bestimmten Zeit im Süden an, ebbt dann aber auch wieder ab.
Moha stimmte also zu, dass wir die Tour zusammen machen. Unterwegs trafen wir drei Toyotas, der Franzose Patrick, der den Marathon de Sable vorbereitet, war mit einigen Helfern unterwegs. Sie wollten die gleiche Piste fahren wie wir, machten zunächst aber ein zünftiges französisches Dejeuner mit Rotwein. Wir fuhren nach einem Gläschen weiter. Kamen am Nachmittag an das Oued Rheris. Voll bis obenhin. Für meinen Ford Ranger keinesfalls ein Durchkommen möglich. Während wir so dem stark brausenden Wasser zusahen kam Patrick mit Staubfahne angedüst. Nun standen 7 Männer, 4 Fahrzeuge und eine Frau etwas ratlos vor den reißenden Fluten. Von der anderen Seite näherten sich zwei Mercedes-Transporter, die vom Souk in Rissani zurück in ihr Dorf wollten. Es wurde alles versucht. Einer kämpfte sich mit einem Seil durch die Fluten, wollte es hinüberbringen, so dass dann die Wagen rüber gezogen werden können. Aber alle Versuche schlugen fehl und am Ende musste jeder auf seiner Seite in der nächsten Auberge nächtigen und hoffen, dass die Wassermassen bis zum nächsten Morgen zurückgehen. Was auf unserer Seite gar nicht so schlecht war. Patrick hatte wirklich alles dabei: Pastis zum Aperitif, dazu leckere Tapas. Fleisch und Gemüse für ein Tajine, dazu Rotwein. Und nach dem Essen schlugen die Jungs auf alles, was sich irgendwie zum Trommeln eignete, es wurde getanzt und gesungen, ein richtiger Ahidous.
Am nächsten Morgen war ich als erste am Fluss. Das Wasser war noch immer hoch und reißend. Mir war sofort klar, dass zumindest an diesem Vormittag kein Durchkommen möglich war, und ich drängte Moha dazu, die Alternative zu fahren, die er vorgeschlagen hatte. Und das war dann das richtige Abenteuer. Meist ohne jede Piste fuhr er querfeldein, kannte jeden Strauch, jeden Nomaden und brachte uns morgens um 11 Uhr sicher nach Rissani. Erst als ich am Nachmittag gemütlich vor der Auberge Touareg saß, fuhren die drei Toyotas von Patrick vorbei. Wie ich vermutet hatte, haben die Männer natürlich noch ein paar Stunden diskutiert, wie man am besten rüber kommt, bevor sie dann doch wie Moha die Alternative wählten.
Da ich damals also mit Moha sehr zufrieden war, wollte ich ihn auch diesmal für die Piste Taouz – Ramlia – Tagounit dabei haben. Wir trafen uns morgens um 8 Uhr an seinem Haus. Er fragte, ob er noch etwas für seinen Vater mitnehmen könne, der immer noch als Nomade in der Wüste lebt. Wir packten einen Sack Mehl und einen unglaublich schweren Sack Datteln auf den Pickup und los gings. Schon etwa 5 km hinter Taouz verließ Mohammed die Piste und fuhr auf einen Berghang, es war eine unglaublich schöne Stelle. Rotgoldene Sanddünen glühten in der Morgensonne, davor eine große ebene Fläche, die auch Patrick für den Marathon de Sable als Standquartier nutzt. Ideal für alle 4x4 – Fahrer zur Übernachtung, das kommt ins nächste Buch. Vom fernen Hügel sahen wir eine kleine Gestalt herab kommen, ein Zelt war nicht zu sehen. Mohas Vater hatte uns schon entdeckt und kam näher. Es ist mir ein Rätsel, wie dieser kleine, hagere Mann, der wohl kaum mehr als 45 Kilo wiegt, nachher die Vorräte hoch schaffen will. Er wollte uns zum Tee in sein Zelt einladen, aber ich wollte weiter, wollte ich doch noch am Abend in Mhamid ankommen und wusste noch nicht, dass daraus nichts werden sollte.

Nur wenige Kilometer weiter hielt Moha schon wieder an. Ich vertraue ihm auf Pisten immer mein Auto an, er ist ein sehr guter Fahrer und weiß am besten, wo es lang geht. Obwohl er nicht lesen und schreiben kann hat er doch seinen Führerschein gemacht (nicht gekauft). Nur wenig entfernt von der Piste sind die Felsgravuren von Tifina. Nicht nur war es interessant, diese zu sehen, von dem Berggrat, auf dem sie sich befinden, hat man eine beeindruckende Aussicht und ich weiß nicht, was schöner ist.

Dann stoppten wir an der Auberge Tazoult, 30 km von Taouz. Nur kurz einen Tee trinken und es geht weiter. Nach Taouz ist ein Sanddünengebiet, Wanderdünen, hier gibt es keine sichtbaren Pisten, nur diverse Spuren. Jeder versucht, so gut es geht über die Dünen zu kommen und die Richtung zu behalten. Ich hatte Moha bereits vor der Tour gesagt, dass mein Wagen nicht sehr gut im Sand ist. Ich hatte vollen Reifendruck und der 4L ist defekt, geht nicht mehr, seit ich in Marokko mal in einem üblen Loch steckte und eine Stunde lang versuchte, wieder raus zu kommen, was dann aber klappte. Ich schloss die Augen und Mohammed fuhr und natürlich kamen wir gut durch.
Nach Ramlia kommt die zweite schwierige Stelle der Strecke, das Oued Rheris ist hier nicht schmal und tief, sondern zieht sich auf mehrere Kilometer Breite dahin, wenn kein Wasser da ist gibt es sehr viel Sand, wenn Wasser da ist kann es sogar sumpfig sein. Auch dies wirklich nicht einfach, aber Moha kennt die besten Stellen und fährt meinen nicht ganz zuverlässigen Ranger sicher durch das Sandgebiet.
Etliche Kilometer vor Tafraout schlägt er vor, die Piste nach rechts zu verlassen, um einen Umweg durch eine schöne Oase zu machen. Ich stimme zu. Wir fahren einen Hügel hinauf, danach wieder Sand. Moha macht einen Schlenker, und zack, wir sitzen fest. Während ich auf Wüstenpisten immer 4x4 einlege, mögen die einheimischen Chauffeure das weniger und setzen 4x4 nur im Sand ein. Und er hatte nicht schnell genug umgeschaltet. Und ich kenne mein Auto, wenn das mal festsitzt, kommt es so leicht nicht wieder raus. Mir schlug das schon auf dem Magen, aber Moha meinte, mach dir keine Sorgen, du bist mit mir, ich mach das schon. Er schnitt die nächsten Büsche ab, legte sie unter. Nichts. Der hier nötige 4L ist ja auch kaputt. Ich ging zurück zur Hauptpiste und wartete ab, wer zunächst die Lösung bringt, Moha mit seinen Büschen oder ich mit einem Hilfsfahrzeug.
Schon lange vorher hörte ich ein sanftes Brummen, und tatsächlich, ein alter Landy kam angefahren. Weit von der Hauptpiste, aber ich lief winkend auf ihn zu und er sah mich. Der Inhaber der Auberge Marabout in Tafraout. Keine Minute zögern, er kam sofort mit und die zwei Männer mühten sich zunächst ab, den Wagen so zu befreien, ließen Luft ab. Ging nicht. Also Abschleppseil dran, den Landy in Position fahren und Luft anhalten. Langsam setzte sich mein Ranger in Bewegung und kam auf harten Grund. Und dann stellte sich heraus, dass zu allem Überfluss auch noch der eine Reifen sich einen Nagel eingefangen hatte und schon vorher ganz langsam Luft verloren hatte. Also wurde er gewechselt.

Aber die übrigen Reifen hatten ja nun auch zu wenig Luft, um weiter auf Steinpiste zu fahren. Moha fuhr zu einer Auberge, von der er wusste, dass es dort einen Kompressor gibt. Doch schon vorher trafen wir einen LKW, die haben hier immer einen Kompressor eingebaut und er pumpte meine Reifen auf. Ist ein guter Tipp für alle, die das mal nötig haben, ein LKW-Fahrer hatte mir auch schon früher mal einen Reifen komplett geflickt, gegen eine alte Jeans.
Inzwischen war es zu spät, um Tagounit noch vor Dunkelwerden zu erreichen. Zwischen Tafraout und Tagounit gibt es nichts, hier sind 90 km Wüste nahe der algerischen Grenze und das Militär überwacht diesen Bereich sehr stark. Im Abstand von 30 – 50 km sind Kameras installiert, die alles überwachen, was sich bewegt. In diesem Gebiet ist auch das freie Übernachten nicht gestattet, ganz davon abgesehen hatten wir auch nichts dabei. Also schliefen wir in einer der zahlreichen Auberges von Tafraout, bevor es am Morgen weiter ging.

25.12.
Nach Tafraout geht es zunächst über den tischebenen Lac Maider. Bei so klarem Winterwetter bietet er nicht die geringste Schwierigkeit, er lässt sich mit großer Geschwindigkeit fahren, das macht richtig Spaß. Immer dem GPS nach, es gibt hier unzählige Spuren. Aber bei Sandsturm, der vor allem im Frühjahr nachmittags häufig ist, ist das eine ganz andere Sache. Dann sieht man überhaupt nichts mehr und am besten wartet man etwas ab. Die weitere Pistenstrecke bringt keine Probleme mehr, ist deutlich zu erkennen. Aber ein Highlight gab es noch für mich. Vor vielen Jahren einmal war ich diese Piste gefahren und kam in ein kleines Örtchen namens Mguid. Dort hatte der sehr nette Dorfchef mit einfachsten Mitteln in seinem Haus eine Auberge geboten. Ich hatte damals zusammen mit einem Freund Tee bei ihm getrunken und immer gute Erinnerungen an dieses nette Erlebnis gehabt. Ich wollte mal wieder dorthin. Mguid liegt ein wenig abseits der Piste, d.h. es gibt zwei etwa gleich lange Alternativen und die eine führt durch das winzige Dorf. Und tatsächlich, alle waren da. Der Chef hat nun eine ummauerte Fläche für Camping vorgesehen, bot uns wie damals sofort einen Tee an. Die Tochter buk gerade das Brot für den Tag und so kam eine Schüssel Olivenöl mit dem noch heißen Brot auf den Tisch, dazu der süße Tee, einfach köstlich. Jeder, der gerade im Begriff war, etwas zu arbeiten, ließ alles stehen und liegen und setzte sich zu uns. Natürlich nur die Männer, die Frauen gingen weiter ihrer Arbeit nach. Und in dem Sinne gelte ich in Marokko nicht als Frau, ich bin immer der Ehrengast und den Männern gleich gestellt.

Wir wollten uns verabschieden, doch dann wollte noch einer mitgenommen werden nach Tagounit, 50 km steinige Piste. Mein Auto kann nur zwei Personen fassen, ist alles zugepackt mit Gepäck. Also ab auf die Ladefläche, staubig zwar, aber ganz gemütlich. Er kam jedenfalls heil und gesund in Tagounit an. Dort musste ich mich auch von meinem treuen, zuverlässigen Führer verabschieden. Aber ich bin sicher, wir werden mal wieder eine Tour zusammen machen und ich kann ihn auch nur jedem weiteren Interessenten sehr empfehlen.
Hier das Video


26.12.
Und nun bin ich also in Mhamid eingetroffen. Der erste Tag war nicht unbedingt dazu angetan, mir etwas Ruhe und Erholung zu verschaffen. Nach dem Frühstück stand Isolde vom Café Fata Morgana vor der Tür. Aber bevor ich sie richtig begrüßen konnte brachte mir das Zimmermädchen sechs Österreicher, geführt von Martin. Sie kamen mit drei Geländefahrzeugen auf eine Stippvisite vorbei, aber das wichtigste war, dass mir Martin mein Schweizer Messer brachte, das ich bei Thomas vergessen hatte. Es hat mich bei all meinen Marokkoreisen – und nicht nur da – begleitet und ist mein Talisman. Hier seht ihr Martin vor den Fahrzeugen, wobei der Geländewagen ganz rechts nicht dazu gehört. Und noch die ganze Truppe einschließlich Isolde.



Doch damit nicht genug. Nachdem die Österreicher weg waren bin ich mit Isolde ins Städtchen, wir hatten noch viele nette Gespräche. Zum Abschluss fuhren wir zum Café Boussole, es liegt sehr schön auf einem Hügel am Beginn der Piste nach Chegaga. Dort fand ich ein etwas abenteuerliches Wohnmobil samt Anhänger mit deutschem Kennzeichen, dem ich auf der schmalen Straße nach Mhamid schon ausgewichen war. Und wer kochte sich darin sein Süppchen? Saharasepp!
Also, alle klagen hier darüber, dass kaum Touristen da sind. Wenn man den heutigen Tag als Maßstab nimmt kann ich das nicht bestätigen.

Gute Fahrt
Edith

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
14 Jahre 5 Monate her #112448 von Edith
30.12.
Die Tage hier sind so turbulent, es passiert so viel, jede Minute ist so ausgefüllt, dass ich überhaupt nicht dazu komme, alles aufzuschreiben. Der gestrige Tag war wohl die Spitze der Turbolenz und ich will sehen, ob ich nun genügend Zeit finde, davon zu erzählen.
Ich saß mal wieder beim Frühstück, als draußen vor der Tür Knuth vorbei ging. Knuth, den ich schon bei Thomas getroffen habe. Thomas war ja eine seiner ersten Stationen in Marokko und während ihn nichts umhaut, litt seine Frau noch unter dem Kulturschock und wollte keinesfalls weit in den Süden fahren, nicht „im Sandkasten spielen“. Umkehren und heim nach Europa hätte ihr ganz gut gefallen. Ich konnte sie mit dem Argument, dass es doch dort unten bei Merzouga sehr viel wärmer als bei Thomas ist, zunächst mal umstimmen. Und dann gingen sie draußen am Fenster vorbei. Sonja hat ihren Schock inzwischen überwunden und sich ganz gut eingewöhnt, ich bin sicher, zurück in Deutschland wird sie von dem Marokkovirus infiziert sein. Sie brachten noch zwei weitere Paare mit, ein Nürnberger VW-Bus und ein italienisches Isuzu-Wohnmobil. Wir saßen also gemütlich vor der Kasbah und tranken Tee. Vor dem Haus hatten auch etliche Geländewagen geparkt. Ein Chauffeur stieg ein, fuhr rückwärts raus und auf den Nürnberger VW. Blinker kaputt, Delle in der Seite, Stoßstange ein wenig beschädigt. Damit war der Tag für die sechs Leute gelaufen, denn man darf sich nicht vorstellen, dass so was schnell abläuft. Endlose Diskussionen, der Chauffeur hatte absolut kein Geld dabei und arbeitet auch für eine fremde Agentur, nicht für Sahara Services, denen die Kasbah gehört. Hin und her gings und schließlich holte der Chauffeur, nicht der Geschädigte, die Polizei. Mit dem Ergebnis, dass sein Führerschein einkassiert wurde.
Ich musste aber zum Souk in Tagounit, schließlich ist der nur an einem Tag in der Woche und ich brauchte dringend etwas. Auf dem Rückweg stoppte ich bei Isolde. Ich saß nicht richtig kam eine Gruppe von sechs Deutschen zum Kaffeetrinken. Nicht nur verkaufte ich ihnen gleich ein Buch, ich änderte auch noch ihren Reiseplan und buchte sie in die wunderschöne Casbah des Arts in Agdz ein statt in eine einfache Herberge in Taliouine.
Es war schon Nachmittag, als ich zurück nach Mhamid kam. Knuth und Gefolge waren noch da, die Sache immer noch nicht geklärt. Vom Chauffeur war einfach nichts zu holen, er am weinen, weil sein Führerschein weg war. Da kann nur noch Abdou helfen. Er versprach dem Nürnberger, dass er sich um die Reparatur in Marrakech kümmern wird. Der war dann besänftigt und ging mit dem Chauffeur zur Polizei, damit dort alles geregelt wird und er seinen Führerschein wieder erhält. Um halb sechs am Abend war es dann endlich so weit, etwa sieben Stunden für einen leichten Blechschaden.
Inzwischen rief Isolde an, dass ausgerechnet an dem Nachmittag der Thomas eingetroffen ist, der für ein soziales Projekt in Ouled Driss 7 Notebooks gesammelt hat und sie übergeben wollte. Der Termin war uns vorher nicht bekannt. Ich lud die sechs Wohnmobilleute also ein, mit zu Isolde zu fahren. Dort findet wirklich jeden Abend ein Ahidous statt, ein Abend mit Trommelmusik. Die Jungs trommelten, was das Zeug hielt, war eine tolle Stimmung, Isolde hatte außerdem noch eine Familie, Verwandte aus Deutschland, zu Gast.
Hier ein Video


Plötzlich kam die Frau von Thomas ziemlich aufgelöst ins Café und fragte nach einem Arzt. Thomas war beim abendlichen Spaziergang in den Dünen so unglücklich gestürzt, dass er sich die Schulter verletzt hatte und sie stark geschwollen war. Er konnte nicht mehr laufen und saß in seinem Bus. Isoldes Verwandte sagte ganz schüchtern, ja, sie wäre Ärztin, aber Tierärztin. Sie ging mit hinaus, wir trommelten, sangen und tanzten weiter.
Nach einer guten Weile kam Thomas auf seinen eigenen Beinen zu uns, gefolgt von der Tierärztin. Sie verarztet nicht nur Tiere, sondern hat auch einen Sohn, der sich ständig die Schulter ausrenkt, war also prädestiniert für die Aufgabe. Thomas wurde mit Schmerztabletten zugepumpt, der Arm eingerenkt und es ging ihm schon besser.

31.12.
Am nächsten Morgen sollten die Notebooks übergeben werden und ich wurde dazu gerufen. Doch so einfach und schmerzlos läuft nichts in Marokko. Die Spender waren bereit, die Dinger gleich anzuschließen, aber es stellten sich einige Probleme in den Weg, die uns zunächst ziemlich unklar blieben. Zuvor besichtigten wir aber mal den örtlichen Kindergarten. Es gibt einen staatlichen und einen, der durch die örtliche Association gegründet wurde, eben die, die die Computer haben wollte. Und ich war beeindruckt. Ich habe schon viele marokkanische Kindergärten gesehen, staatliche allerdings, und die hier unterscheidet sich sehr stark. Er macht einen netten, frischen Eindruck, die süßen Vorschüler waren gerade im Unterricht, und es gibt Spielzeug und Lehrmittel fast wie bei uns. In einer staatlichen Schule gibt es das all nicht. Ich war mal in Imilchil in einem Kindergarten, um dort zwei Säcke voll pädagogisches Spielzeug abzugeben. Da ich vergessen hatte, Fotos zu machen, fuhr ich noch mal zurück. Der Erzieher hatte alles in einem Raum verschlossen, um es für sich zu behalten, die Kinder hatten als einziges Spielmaterial einen Bleistift und ein Blatt Papier.

Diese Schule hier in Ouled Driss macht also einen super Eindruck. Allerdings suchen sie noch dringend Sponsoren. Wir gingen dann in die sogenannte Bibliothek, wo die Computer aufgestellt werden sollten. Und dort war es dann nicht mehr so super. Der Raum ist in der alten Kasbah, wo auch das sehr sehenswerte Museum ist. Es war ein staubiger, schmutziger Raum, vollgestellt mit allem möglichen, und das Dach undicht. Es waren einige PC – Arbeitsplätze vorhanden, aber es hieß gleich, die seien alle kaputt, arbeiten nicht mehr durch den vielen Staub und das Regenwasser. Mir scheint also, hier ist mehr nötig, als nur neue PCs aufzustellen. Der Verantwortliche des Vereins, genannt Kiki, versprach, eine Putzbrigade aufzutreiben und den Raum zu säubern, am Sonntag sollen dann die Notebooks angeschlossen werden. Eine Internetverbindung gibt es noch nicht, aber das soll kommen. Und wenn man lernen will, mit einem PC umzugehen, gibt es ja noch etwas anderes als das Internet.
Nun ja, wir besichtigten noch das Museums, das einen guten Einblick in das Leben der Stämme im Dratal gibt, und tranken einen Tee zum Abschluss.

Gute Fahrt
Edith

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
14 Jahre 5 Monate her #112453 von Ford Built Tough
Was für ein Klasse Reisebericht. :k_green6
Absolut Super. :k_green3

Ich hätte jetzt sofort Lust loszufahren.
Es wäre wirklich schön,wenn Du auch weiterhin Deine Reisen hier posten könntest.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
14 Jahre 5 Monate her #112454 von Redneck
Servus Edith!

Klasse!!!!
[img


Gruß, Jürgen

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
14 Jahre 5 Monate her #112456 von idealist
Hallo Edith,

sehr gut geschrieben, Danke, dass Du den Bericht hier eingestellt hast.

Gruß René

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Moderatoren: OffRoad-RangerSiskomontyBigPit
Ladezeit der Seite: 0.057 Sekunden