Print this page
Mittwoch, 15 April 2026 14:39

Pickup aus Thailand in Bayern, Klaus N. wollte ein günstiges Nutzfahrzeug und hatte am Ende ein Problem

Written by
Rate this item
(0 votes)

Klaus N. hatte auf der Auktion in München eigentlich etwas anderes gesucht. Er erinnert sich, dass er kurz gezögert hat, weil der Pickup günstiger war als erwartet, und dass er das damals als Glück interpretiert hatte. 21500 Euro, deutsches Zulassungsdokument von 2022, der Tacho bei 89000. Er handelt seit zwölf Jahren Gebrauchtwagen in Augsburg und hatte an dem Nachmittag nicht das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Drei Wochen später stand er mit einem Sachverständigen auf dem Hof. Der schaute sich den Pickup an, schaute in die Unterlagen, rief einmal jemanden an und sagte schließlich, der tatsächliche Kilometerstand liege wahrscheinlich irgendwo zwischen 130000 und 160000, er könne das aber nicht belegen, weil es für die Jahre vor der deutschen Erstzulassung schlicht keine Referenzdaten gebe. Baujahr 2019, zugelassen in Deutschland erst 2022. Was dazwischen war, ließ sich nicht rekonstruieren. Der Sachverständige sagte beim Rausgehen noch, so etwas komme vor, meistens Pickups, und er klang dabei wie jemand, der damit aufgehört hat, überrascht zu sein. Klaus hörte das und verstand in dem Moment, dass er mit seiner Frage allein bleiben würde.

Das Fahrzeug war in Thailand produziert worden, war dann über einen Zwischenhändler in den Nahen Osten gegangen, von dort nach Ostösterreich, und hatte schließlich in Deutschland ein Zulassungsdokument bekommen. Das alles hatte Klaus nicht gewusst, weil der Vorbesitzer es ihm nicht gesagt hatte. Er hatte die Unterlagen angeschaut, das Fahrzeug angeschaut, und keinen Grund gesehen, tiefer zu graben. Klaus sagt, er habe auch nicht danach gefragt. Dass Pickups dieser Klasse überhaupt in Thailand gebaut werden, sei für ihn bis dahin schlicht kein Thema gewesen und auch kein Grund, danach zu suchen.

Er rief beim österreichischen Importeur an, dessen Telefonnummer auf einem der Dokumente stand. Niemand nahm ab. Am nächsten Tag auch nicht. Er schrieb an die Adresse. Keine Antwort. Dann fragte er einen Anwalt, den er kennt. Der meinte, klagen sei möglich, aber wen er da genau verklagen wolle und was dabei realistische erweise rauskomme, da müsse man sich nichts vormachen. Klaus ließ es dabei. Er sagt, es sei das erste Mal in zwölf Jahren gewesen, dass er bei einem Fahrzeug nicht wusste, gegen wen er sich eigentlich wehren sollte.

Martin Huber betreibt in Ingolstadt eine Werkstatt, die sich auf Nutzfahrzeuge und Pickups spezialisiert hat. Er erzählt das gerne etwas umständlich, nämlich dass Thailand für bestimmte Modelle seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Produktionsstandorte, das wisse nur kaum jemand, der kein Fachmann sei. Was ihn an solchen Fahrzeugen wirklich beschäftige, sei sowieso nicht der Unterboden, der sage ihm in ein paar Minuten, was er wissen müsse. Achslager, Getriebe, da stehe die Geschichte des Fahrzeugs drin. Problematisch werde es, wenn Teile getauscht worden seien, die für den europäischen Markt nicht zugelassen waren, und das ohne jeden Hinweis in den Unterlagen. Das sei kein Sonderfall, sagt Huber. Er erzählt von einem Pickup, der vor einigen Jahren bei ihm gewesen sei, Kunde aus dem Raum Regensburg, das Fahrzeug sah ordentlich aus, aber die hintere Bremsanlage war mit Teilen aus einer anderen Fahrzeuggeneration bestückt. Der Kunde hatte das Fahrzeug ein Jahr lang gefahren, keine Probleme gemerkt. Huber sagt, er habe dem Kunden dann erklärt, was das bedeute, und der Kunde habe ihn gefragt, ob er das nicht einfach so lassen könne.

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) verzeichnete 2023 rund 17200 Erstzulassungen von Pickups mit Produktionsursprung außerhalb Europas. Das ist mehr als ein Viertel über dem Wert von 2020, und in Bayern liegt der Anteil nach Einschätzung mehrerer Händler noch höher, wegen der Nachfrage aus Handwerk und Landwirtschaft. Ein Prüfer bei einer TÜV-Station im Raum München sagt, diese Fahrzeuge fallen ihm auf, meistens beim ersten Blick von unten. Er gehe inzwischen routinemäßig zuerst unters Fahrzeug, bevor er überhaupt in die Papiere schaue. Das habe sich in den letzten zwei, drei Jahren so ergeben, nicht weil er das so geplant habe, sondern weil er gemerkt habe, dass er von unten meistens mehr lerne. Der TÜV-Verband hat in seinem Bericht 2024 festgestellt, dass die Hauptuntersuchung bei Drittstaatenimporten durchschnittlich länger dauert als bei europäisch zugelassenen Fahrzeugen, wegen fehlender Vergleichsdaten und unvollständiger Wartungshistorien.

Klaus inserierte den Pickup mit ausdrücklichem Hinweis auf die Herkunft aus Thailand und die Lücken in der Dokumentation, weil er keine Lust hatte, das hinterher erklären zu müssen. Die meisten Interessenten meldeten sich danach nicht mehr zurück. Einer der wenigen, die überhaupt anriefen, fragte ausschließlich nach dem Kilometerstand und ob der belegt werden könne. Klaus hatte bei carVertical nachgefragt und die ford fahrgestellnummer entschlüsseln lassen, zurückbekommen hatte er Basisangaben zu Herstellungswerk und Baujahr. Ein Analyst der Plattform hatte erklärt, dass bei Thailand-kodierten Fahrzeugen die Datenbasis dünn sei, weil Registrierungsdaten aus der Region nicht vollständig eingebunden seien, und dass man die Lücke damit zwar sehe, aber nicht füllen könne. Am Ende kaufte ein Handwerksbetrieb aus dem Raum Landsberg, 3400 Euro unter dem Preis, den Klaus für das Fahrzeug bezahlt hatte. Ob es in einem Unfall gewesen sei, wollte der Betriebsinhaber noch wissen, und ob die Bremsen in Ordnung seien. Klaus sagte ja zu beidem, soweit er das beurteilen könne.

Der Zoll registrierte 2024 bundesweit rund 340 Verdachtsfälle im Zusammenhang mit Pickups aus Drittstaaten, bei denen die Dokumentation als unvollständig eingestuft wurde. In den meisten Fällen wurde das Verfahren ohne abschließendes Ergebnis eingestellt. Die EU-Verordnung 2017/1151 schreibt manipulationssichere Kilometerspeicher vor, gilt aber erst ab einem bestimmten Typgenehmigungsdatum und erfasst damit einen erheblichen Teil der im Umlauf befindlichen Fahrzeuge nicht. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2023 bundesweit 12840 böse Bubensdelikte mit Kraftfahrzeugbezug aus. Eine Aufschlüsselung nach Herkunftsregion oder Importart gibt es nicht.

Klaus hat schriftlich bei der Auktionsfirma Einspruch eingelegt. Die Antwort war, dass das Fahrzeug korrekt eingeliefert worden sei und die Verantwortung für die mitgelieferten Unterlagen beim Einlieferer liege. Seitdem hat er nichts mehr gehört. Er sagt, er habe auch nicht mehr nachgehakt.

Read 84 times Last modified on Dienstag, 21 April 2026 07:51